Von Sonja Vodicka
Tallinn ist eine junge Hauptstadt in altem Gewand: Sie besitzt eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Innenstädte Europas, die komplett zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt wurde. Doch unter der historischen Fassade schlägt ein junges, frisches Herz. Seit Estland 1991 unabhängig wurde und 2004 EU und Nato-Mitglied wurde, fährt Tallinn auf der Überholspur. Musik und Mode, Design und IT- an innovativen Ideen mangelt es den kreativen Bewohnern dieser schönen Stadt im hohen Nordosten Europas nie. Das besondere dabei: die kleine Metropole schafft es sich ihr märchenhaftes Flair zu bewahren: Mit ihren spitzen Kirchtürmen, den anmutigen Kuppeln der Newski-Kathedrale, schmalen Altstadtgassen, mittelalterlichen Gildehäusern, der längsten, erhaltenen Stadtmauer Europas und einem sagenhaften Blick aufs Meer lädt sie zu tausendundeins romantischen Spaziergängen ein.
Das kanns:
Das Jahr 2011 hält für Tallinn einige Überraschungen bereit. Zum einen ist es die Euro-Einführung, die endlich grenzenloses Shopping-Feeling auch in Estland möglich macht. Die Gassen der Tallinner Unterstadt sind voller kleiner, feiner Geschäfte für Design und Kunsthandwerk. Estnisches Design hat sich hier einen internationalen Namen gemacht -im Bereich Wohnen und in der Mode. So kann man beispielsweise in der Katherinengilde den Künstlerinnen bei der Herstellung von originell-modernem Kunsthandwerk zusehen und aus ihrer Hand einen bunten Schal aus feinem Leinen oder einen handgestrickten Pullover aus schwerer Wolle erwerben. Nach dem Vorbild mittelalterlicher Gilden haben sich in einer Seitengasse der Altstadt die Handwerkerinnen zusammengeschlossen und Tallinns Begeisterung fürs mittelalterliche Erbe und den Konsum schöner Dinge unter ein Dach gebracht.
„Geschichten von der Meeresküste“- so lautet das Motto des wichtigsten Großereignisses in Talinn im Jahr 2011. Es ist der Titel des Kulturprogramms für Tallinn 2011- der europäischen Kulturhauptstadt. 34 der ausgewählten 251 Vorschläge haben direkt mit dem Meer zu tun, viele andere beziehen sich im weitesten Sinn darauf. Erst dritte Bewerbung Tallins als Europäische Kulturhauptstadt war in Brüssel endlich auf Gegenliebe gestoßen. Das neue Meeres-Museum ist Ausgangspunkt einer geplanten Seepromenade, dem «Kulturkilometer», wo die Kulturereignisse hauptsächlich im Sommer stattfinden werden. Diese Meile soll vorbei an einem alten, leer stehenden Gefängnis zur Linnahall führen, einem aus Sowjetzeiten stammenden Konzertgebäude, nur einen Steinwurf entfernt von der Altstadt. Ein Jungbrunnen für die marode Gegend.
Der neue Küstenstreifen wird wie vieles, was für das Kulturhauptstadtjahr an Bauten geplant ist, aber wohl höchstens halbfertig sein, wenn das Programm beginnt. Doch das ist das kein Widerspruch: Vieles wird derzeit rekonstruiert, aber eben nicht nur für 2011, sondern auch für die Zukunft. Da Tallinn über eines der niedrigsten Budgets verfügt, das je einer Europäischen Kulturhauptstadt hatte ist viel neue Infrastruktur nicht drin.
Einer der Programmpunkte ist die von 26. April bis zum 14. Juni dauernde „Eksperimenta!“(www.eksperimenta.net) . Eine einzigartige Triennale für zeitgenössische Kunst und die erste ihrer Art die Werke von 14- bis 19-jährigen Kindern und Jugendlichen präsentiert. Oder der im August stattfindende „Kettentanz“. Eine Volkstanzveranstaltung die am 20.August auf dem Rathausplatz beginnen wird und –ohne Unterbrechung-durch jeden Landkreis Estands durchgeführt wird.
Der historische Stadtkern mit seiner Ober- und Unterstadt ist bereits seit längerem herausgeputzt. Dazu hat die friedliche Wende 1991, als Estland von der Sowjetunion unabhängig wurde, nur bedingt beigetragen. Viele Fassaden sind 1980 restauriert worden, als im Rahmen der Olympischen Spiele in Moskau die Segelwettbewerbe vor der estnischen Küste stattfanden. Das alt und neu kein Widerspruch sind sieht man am modernen Bau des KUMU Art Museum in Tallinn -dem größten Kunstmuseum der baltischen Staaten.
Gegründet wurde die Stadt Reval, das heutige Tallinn, im Hochmittelalter von deutschen Ordens- und Kaufleuten. Am Burgturm, dem «Langen Hermann», wehte über die Jahrhunderte immer die Fahne des jeweils aktuellen Herrschers. Gegenüber liegt die Alexander-Newski-Kathedrale mit ihren typischen Zwiebeltürmen. In der Unterstadt finden sich zahlreiche Kontorhäuser aus der Hansezeit. Das Schwarzhäupterhaus etwa, heute für Staatsempfänge genutzt, hat eine auffällige Renaissance-Fassade. Das Haus der Großen Gilde schräg gegenüber beherbergt das Estnische Historische Museum.
Ganz fertig ist auch die Altstadt aber noch nicht – aber das kann auch ein gutes Omen sein. Schließlich gibt es die Legende, dass Tallinn nie fertig gebaut sein darf – sonst passiere ein Unglück: Ein Gnom aus dem vor den Toren der Stadt gelegenen Ülemiste-See soll dann den See über die Ufer treten lassen. Infos: www.talinn2011.ee
Das bringts:
Schlössle und St.Petersbourg – Hotelhighlights in Tallinn
Jahrzehntelang führte Estland ein Schattendasein hinter dem Eisernen Vorhang. Seit 2004 ist das Land Mitglied der Europäischen Union und zeigt stolz seine Natur-, Kultur- und Architekturschönheiten. So einmalig wie das Land ist auch das luxuriöse Schlössle Hotel. Das erste Fünf-Sterne Hotel des Landes gehört zu den Leading Hotels of the World und liegt mitten in einer stillen Gasse der bezaubernden mittelalterlichen Altstadt. Wer die Lobby mit ihrem Kamin, den kuscheligen Sitzgruppen und erwürdigen Ölgemälden betritt, fühlt sich unweigerlich ins Mittelalter zurückversetzt. Der Eigentümer hat ein altes Salzlager aus dem 13.Jahrhundet wiederaufgebaut und in ein Kleinod aus Antiquitäten und gediegenen Natur-Materialien verwandelt. Massive Holzbalken, geputztes Mauerwerk, antike Möbel, ein flackerndes Kaminfeuer in der Lobby sowie Farbspiele in Lila und Rot geben dem Fünf-Sterne-Domizil sein aristokratisches Aussehen. Die im Treppenhaus ausgehängte Gästeliste ließt sich wie ein Who is Who der oberen 10 000: Von Price Charles über Lenny Kravitz, alles was Rang, Namen oder einen Grammy oder Oscar sein eigen nennt hat hier schon in der 90 Quadratmeter großen Schlössle Suite im ehemaligen Dachstuhl des Hauses genächtigt. Aber auch die anderen 28 Suiten und Zimmer sind elegant und individuell eingerichtet und sie bieten höchsten Komfort. Zum Haus gehören u.a. eine private Sauna, Massage, ein Limousinenservice, Babysitterdienst sowie modernste Konferenz- und Banketträume.
Bereits mehrfach wurde das Restaurant Stenhus, im romantischen Gewölbekeller für seine internationale Kulinarik, zu der selbstverständlich auch die heimische Küche gehört, ausgezeichnet – u.a. als bestes Gourmetrestaurant in Estland. Das Geheimnis ist die Philosophie des französische Chefkoch Alexandre George: „Ich respektiere die estnischen Produkte und verleihe ihnen mit Hilfe von Kräutern aus der Region das gewisse international-heimische Flair das diese Stadt und zu dieses Hotel ausmachen.“
Gleich um die Ecke vom Rathausplatz, gegenüber dem mittelalterlichen Stadtbrunnen, liegt das zweite Hotel von deutschen Hoteldirektor Kay Peter Bischoff: Das Boutique Hotel St. Petersbourg. Hier, im ersten Hotel Tallinns, logierten schon seit 1850 jene, die es sich leisten konnten. Damit ist es das älteste kontinuierlich betriebene Hotel der Stadt. Die Zimmer im Art-Deco stil sind elegante, schlichte Oasen. Vom Zimmer 304 hat man beispielsweise einen wunderschönen Blick auf den Burgberg und im Dachstuhl des Hauses wurde eine neue Sauna eingerichtet. Im Kellergewölbe des Hauses befindet sich das beste estnische Restaurant das „Kuldse Notsu Körts. Wie Gott in Russland fühlt man sich beim Eintritt ins Nevskij Restauant, welches man über die Hotelhalle betritt. Dort erwartet einen nicht nur der Papagei des Hotelchefs, sondern eine Welt wie aus Tolstois Romanen. Livrierte Kellner, Kaminfeuer, alte russische Literatur in den Bücherregalen, ein melancholischer Balalaikaspieler und nur vier Tische, die sich, zur Dinerzeit, biegen vor russischen Köstlichkeiten, wie roten Kaviar, geräuchertem Lachs, Entenpastetchen und einem Messing-Topf mit dem Traditionsgericht „Boef Stroganoff“.
www.schlossle-hotels.com
Das kostets:
Übernachtung mit Frühstück pro Doppelzimmer 95 Euro im Hotel St. Petersbourg. Übernachtung mit Frühstück pro Doppelzimmer 175 Euro im Hotel Schlössle.
Den schnellsten Weg nach Estland bieten Estonian Air und Lufthansa an. Mit nonstop-Verbindungen ab Berlin, Frankfurt, München und Amsterdam nach Talinn. Flug um 200 Euro.
PKW-Reisende nehmen Fähre Rostock – Helsinki -Tallinn. Das Landesinnere und die Inseln bereist man am besten mit dem PKW.